29.09.2010
Nachwuchs-Schreibtischtäter Fabian F. Fröhlich verbeamtet sich
Ist es heutzutage noch erforderlich, dass Schulabgänger in der Lage sind, einen deutschen Satz fehlerfrei aufzuschreiben? Ich sage: nein! Ist in der Berufspraxis gar nicht mehr notwendig. Auch nicht in Schreibtischberufen. Denn wo vor ein paar Jahren die Sachbearbeiter noch aufschrieben, was Sache war, kommunizieren heute Projektmanager in vorgegebenen Textbausteinen. Das sieht nicht nur hochprofessionell und wichtig aus – das sichert auch Arbeitsplätze. Kleines Beispiel gefällig?
Früher sprach mich unser Hausmeister, Herr Meier, auf der Treppe an, wenn ich mal die Miete schuldig geblieben war. Heute nennen er und seine Frau sich Meier Real Estate Group und schreiben mir Briefe wie diesen: „Sehr geehrter Herr Fröhlich, im Bezug auf das anliegende Dokument bitten wir dringend um Rückruf zur Abstimmung der weiteren Verfahrensweise unter … In diesem Sinne verbleiben wir bis zu Ihrer Rückmeldung mit freundlichen Grüßen.“ Das anliegende Dokument ist mein Mietvertrag. Ich rufe an, natürlich ist nur die Computerstimme im Einsatz. Dann sende ich eben eine E-Mail: „Hallo Herr Meier, worum geht es denn? ...“ Nach zwei Tagen kommt Antwort: „Sehr geehrter Herr Fröhlich, der Sachverhalt laut beiliegendem Schreiben ist noch nicht abgeschlossen, da die Begleichung des Betrages für den laufenden Monat leider noch aussteht. Diesbezüglich baten wir um Abstimmung ...“ Aha! Ich nun: „Hallo Herr Meier, habe ich Sie richtig verstanden, dass die letzte Monatsmiete fehlt? Sorry, ist unterwegs.“ Nein, damit war’s noch nicht erledigt! Das freundliche Verwaltungsunternehmen meines Vertrauens schreibt mir tatsächlich noch ein weiteres Mal: „Sehr geehrter Herr Fröhlich, wir haben Ihre Antwort erhalten, bestätigen hiermit Ihre Vermutung und danken im Voraus für die Erledigung. Mit freundlichen Grüßen Meier Real Estate Group“.
Eigentlich wundert’s mich ja nicht. Behörden schreiben halt so. Auch wenn die echten Ämter neuerdings auf Wirtschaftsunternehmen machen und sich „Agentur“ nennen. Dafür geben sich eine Menge privatwirtschaftliche Firmen und auch einige NGOs zunehmend, als wären sie die Staatsgewalt persönlich. „Nach Rücksprache mit dem Kompetenzträger müssen wir Ihr Anliegen leider abschlägig bescheiden“, schrieb mir kürzlich nicht etwa das Finanzamt, sondern die Versicherung, die mit Kundennähe und Vertrauen wirbt.
Weil mich – und damit stehe ich garantiert nicht alleine – diese Sprachgewalt massiv beeindruckt, will ich das auch lernen. Denn nicht Englisch oder Chinesisch wird die Sprache der Zukunft sein, sondern Textbausteinedeutsch! Dafür sammle ich jetzt alle pseudowichtigen Schreiben, die ich kriegen kann. Ich ersuche Sie dringend um Unterstützung des eingangs geschilderten Vorhabens in Form von textlich zugestellten Dokumenten zum Verbleib in unserer Redaktion an ebenderen Adresse zu Händen des Unterzeichners. Vielen Dank! – Dieser Text wurde maschinell erstellt und ist ohne Unterschrift gültig



















