Giftige Abgase: Kampagne sammelt verschmutzte Luft

Die dreckige Luft wird an Trafigura übergeben
Die dreckige Luft wird an Trafigura übergeben

Darum geht‘s: Fundraising, Petition, Afrika, Giftmüll

Die Schweizer Menschenrechtsorganisation Public Eye hat mit einer Kampagne unschöne Methoden des mit Erdöl handelnden Unternehmens Trafigura ins Visier genommen. Dessen Hauptsitz in Genf bekam den eigenen Dreck weg. Ein Übersee-Container sammelte die dreckige Luft in Afrika ein, und Public Eye gab sie dem Unternehmen einfach wieder zurück.

Das Problem: Aus gesundheitlichen Gründen gibt es für die Treibstoffproduktion innerhalb der EU strenge Vorgaben, vor allem hinsichtlich des Schwefelgehaltes. Der europäische Standard beträgt 10 ppm (parts per million = Millionstel). Wie gesagt: innerhalb der EU. Diese Standards gelten aber nicht für Treibstoffe, die nach außerhalb exportiert werden. Die liegen bislang bei 3000 ppm.

Zwar hatte das Unternehmen Trafigura bereits in der Vergangenheit an einem Umweltskandal schwer zu schlucken (beim Versuch der Entsorgung von Giftmüll an der Elfenbeinküste waren 2006 zehn Menschen ums Leben gekommen) und steht auch tatsächlich mit seiner Umweltpolitik in der Verantwortung. Das Unternehmen gilt in dieser Kampagne aber (auch) als Stellvertreter für eine Reihe weiterer, deren Nachhaltigkeitsversprechen nicht mehr als bloße Lippenbekenntnisse sind.

Dreckige Luft in Kanistern

Im Gegenzug steht auf der „anderen Seite“ Accra, die Hauptstadt Ghanas, stellvertretend für die Treibstoff- oder besser Abgasproblematik: Die Anzahl der Abgase ausstoßenden Fahrzeuge liegt, vergleicht man sie mit Europa, auf deutlich niedrigerem Niveau. Es ist aber die Zusammensetzung der Abgase, deren Giftigkeit das Problem darstellt. Die gesundheitlichen Folgen lassen sich aus europäischer Sicht kaum erahnen.

Nun könnte man wohl aus Protest Trafigura einfach deren eigenen Dreck vor die Tür kippen. Nur geht das ja nun mal mit Luft nicht ganz so einfach. Aber es ist nicht unmöglich. Wie ein äußerst unterhaltsames Kampagnen-Video zeigt, haben Bewohner Accras die dortige schlechte Luft in Kanistern „gesammelt“ und damit einen Überseecontainer bestückt, der Ende Oktober 2016 auf Reisen ging. „Seine Fahrt konnte mittels Schiffstracking live verfolgt werden“, berichtet Susanne Rudolf, Fundraiserin und Kampagnenleiterin von Public Eye.

Den Zeitraum, in dem der Container über das Wasser schipperte, konnten die Kampagnenmacher bequem nutzen, um für Unterstützung in der Sache zu werben und um um die Unterzeichnung einer Petition zu bitten: „Es ist selbstverständlich, dass wir mit der Aktion auch neue Adressen von Leuten erhalten wollten und dass wir diese Leute an uns binden wollen. Petitionsunterschreiber haben während der Kampagne laufend Updates mit kleineren Call-to-Actions erhalten. Für uns sind neue Adressen nicht nur aus Fundraisingsicht wichtig, sondern auch aus Mobilisierungsperspektive. Ohne Personen, die bei Aktionen mitmachen wollen und sich für uns engagieren wollen, könnten wir nichts erreichen. In diesem Sinn unterscheiden wir verschiedene Stufen von Engagement. Spenden sind dabei einfach eine wichtige Form von Engagement“, erklärt Rudolf.

Petition an Trafigura übergeben

Die Macher der Aktion haben aber noch weiter gedacht. „Wir haben – um nicht zu viel Plastik zu verschwenden – 200 Kanister mit dem Container verschifft. Da die Aktion ja einen großen symbolischen Charakter hatte, war es nicht so wichtig, wirklich den ganzen Container mit den leeren Kanistern zu füllen“, so Rudolf.

Nicht ganz zwei Wochen später, Anfang November, veranstaltete Public Eye am Trafigura-Hauptsitz in Genf die medienwirksame Übergabe. Begleitet von afrikanischen Trommelrhythmen tauschten dabei aber eben nicht nur die Kanister den Besitzer. Ein Trafigura-Vertreter nahm persönlich die mit fast 20 000 Unterschriften versehene Petition entgegen, die das Unternehmen dazu aufruft, auch für Afrika die europäischen Standards in der Produktion anzuwenden.

Aber auch auf dem afrikanischen Kontinent selbst legen die Betroffenen nicht die Hände in den Schoß. Fünf afrikanische Länder haben die Grenzwerte für den Schwefelgehalt von Dieselimporten inzwischen gesenkt; in Ghana fiel er von 3000 ppm auf 50 ppm.

Auch in der Region Amsterdam-Antwerpen-Rotterdam, wo der größte Teil der „African Quality“ produziert wird, scheint sich einiges zu regen. Laut Informationen von Public Eye hat der Amsterdamer Stadtrat einen parlamentarischen Vorstoß angenommen, sich für entsprechende Ausfuhrbestimmungen auch für nicht EU-Länder einzusetzen.

Text: Rico Stehfest
Foto: Marc Henley/Panos Pictures

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