„Checkpoints Jülich“ – Jugendliche gestalten ihre Stadt

Mit dem Sofa durch die Stadt bei Checkpoints Jülich
Beim Projekt „Checkpoints Jülich“ geht es mit dem Sofa durch die Stadt

Darum geht's: Stiftung, Jugendarbeit, Integration, Jülich

Mitbestimmung, Integration, Akzeptanz – Schlagworte, die häufig fallen und immer gut klingen. Aber lassen sie sich auch in die Realität umsetzen? Die Robert Bosch Stiftung und die Stiftung Mitarbeit setzen auf eine „lebendige Nachbarschaft“ und gehen direkt in die Stadtviertel. In Jülich entstand dabei ein Projekt, bei dem Jugendliche ihre Stadt mitgestalten.

Die Musik von Jugendlichen ist für ältere Menschen oft nur „Krach“, in den Augen der Schüler übertreiben es die Senioren wiederum mit ihrem Bedürfnis nach Ruhe – und schon ist der Konflikt vorprogrammiert. Das Zusammentreffen verschiedener Generationen verläuft nicht immer reibungslos. Die nordrhein-westfälische Stadt Jülich ist da keine Ausnahme. Hier wurde das Problem aber offensiv angepackt und mit dem Projekt „Checkpoints Jülich“ nach Lösungsansätzen gesucht. „Wir brauchen einen Platz, wo wir chillen können“, forderten die Jugendlichen.

Im Rahmen des Förderprogramms „Werkstatt Vielfalt. Projekte für eine lebendige Nachbarschaft“ der Robert Bosch Stiftung, das von der Stiftung Mitarbeit durchgeführt wird, entwickelten sie deshalb verschiedene Ideen, um ihre Treffpunkte neu zu gestalten. Dafür gab es nicht nur finanzielle Unterstützung für ein Jahr, sondern auch Kontakte und Austausch mit anderen Projekten und Tipps, wie man die „Checkpoints“ weiterentwickeln könnte.

Projektgruppen treffen sich in Ideenwerkstatt

Die Projektgruppen mit jeweils vier bis zehn Teilnehmern waren bunt zusammengewürfelt, von den insgesamt 37 Teilnehmern hatte ein Drittel einen Migrationshintergrund. Unterstützt wurden sie von Hauptamtlichen aus der städtischen Jugendarbeit; die Projektleitung samt Öffentlichkeitsarbeit, Vertretung nach außen und Kontakt zu Kooperationspartnern, Verwaltung und Politik lag in der Hand der Sozialpädagogin Elisabeth Fasel-Rüdebusch vom Amt für Familie, Generationen und Integration. Sie lobt vor allem den Zusammenhalt der Jugendlichen: „An dem Projekt nahmen Schülerinnen und Schüler aus allen Schulformen teil, von der Förderschule bis zum Gymnasium. Es war für alle eine tolle Erfahrung, dass das im Verlauf des Projekts überhaupt keine Rolle mehr spielte, jeder seinen Teil beitragen konnte und beispielsweise alle gleichermaßen ‚professionell‘ ihre Ergebnisse in der Gesamtgruppe präsentiert haben.“

In einer ersten Ideenwerkstatt 2015 wurden fünf Treffpunkte festgelegt, für die konkrete Gestaltungsideen zusammengetragen wurden. So setzte sich ein Team dafür ein, dass auf dem Schulhof Skateboards und Downhill-Räder fahren dürfen. Eine zweite Gruppe wünschte sich einen zentralen Infopunkt, den sie „Youth Cube“ nannte und der über Praktika, Veranstaltungen und Themen für Jugendliche informiert. Eine dritte Idee war das mobile Sofa (Foto), das an selbst gewählte „Chill-Haltestellen“ geschoben wurde, um zu zeigen, dass es zu wenige Punkte in der Stadt gibt, an denen Jugendliche mal ungestört entspannen können. „Bei den vielen Verbotsschildern in der Kopernikusstraße haben wir unsere Fantasie spielen lassen, wie wir uns dort ohne Verbotsschilder treffen und die Idee der ‚Chill-Haltestelle’ gesponnen“, berichteten Chantal und Mijose später bei der öffentlichen Präsentation der Projekte. Dass die Schüler bei ihren Ideen durchaus auch Humor bewiesen, zeigen Vorschläge wie eine Achterbahn auf dem Dach oder ein Swimmingpool auf dem Flur.

Stiftung Mitarbeit vergibt Preis für „Projekt des Monats“

Ein halbes Jahr später entstanden aus den gesammelten Ergebnissen Collagen, welche die Ideen für die fünf Treffpunkte vorstellten. Die Jugendlichen gingen nicht nur mit Schere und Bastelkleber ans Werk, sondern lernten zum Beispiel, wie man mit Power Point umgeht und Fotos bearbeitet. Danach kümmerte sich ein Grafikbüro um ein professionelles Layout und es entstand zu jedem „Checkpoint“ ein Banner, das die Kernaussagen wiedergab. Diese lauteten beispielsweise „Jugend braucht Action und Bewegung“, „Jugend braucht Mitbestimmung“ oder wie im Fall des mobilen Sofas „Jugend braucht Orte zum Chillen“. Die Banner bildeten dann die Grundlage für eine „Ausstellung to go“. Sie wurden mit QR-Codes versehen und im Beisein des Bürgermeisters auf dem Jülicher Schlossplatz, aufmerksamkeitswirksam in der Nähe der Tourist-Information, aufgestellt. Zur „Vernissage“ kamen rund 100 Besucher, vom Schulkind bis zum Rentner. Sie alle erhielten die Banner-Motive als Postkarten-Set und konnten die Ausstellung sozusagen einfach in die Tasche packen – to go eben.

So viel Engagement zeichnete die Stiftung Mitarbeit dieses Jahr als Projekt des Monats Juni aus. Die Projektleiterin begrüßt die erneute Aufmerksamkeit: „Die Würdigung des Projekts durch die Stiftung freut uns sehr. Wir werden dies nutzen, noch einmal über die Presse auf die Ausstellung hinzuweisen“, sagt Elisabeth Fasel-Rüdebusch. Und was ist eigentlich aus den Ideen der Jugendlichen geworden? „Leider befindet sich die Stadt Jülich in einem Haushaltsicherungskonzept. Daher stehen keine finanziellen Mittel für freiwillige Aufgaben zur Verfügung, und bisher können wir keine der Ideen umsetzen. Ein schöner Erfolg aus der gemeinsamen Arbeit ist der Zusammenhalt der Jugendlichen, die beteiligt waren. Sie haben bis heute Kontakt und engagieren sich beispielsweise im Jugendheim und der Mobilen Jugendarbeit.“ So wurde zumindest das Ziel erreicht, dass sich Jugendliche mit unterschiedlichen sozialen Hintergründen austauschen und die Bevölkerung deren Wünsche nach Freiräumen innerhalb der Stadt kennenlernt und akzeptiert.

Text: Ute Nitzsche
Foto: PR

Der Artikel ist in der Ausgabe 5/2017 des Fundraiser-Magazins erschienen.

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