Schweizer Stiftungsreport: Spitzenposition trotz Liquidierungswelle

10. Schweizer Stiftungsreport erschienen
Der aktuelle Schweizer Stiftungsreport nimmt den Stiftungssektor des Landes genau unter die Lupe.

Darum geht's: Stiftungen, Schweiz, Schweizer Stiftungsreport, CEPS, Swissfoundations, Uni Basel, Global Philanthropy Environment Index

Der zehnte Schweizer Stiftungsreport mit neuesten Zahlen, Fakten und Entwicklungen ist erschienen. Neben einem Rekord an Stiftungsliquidationen verzeichnet er nur wenige Neugründungen. Er wirft außerdem einen Blick über die Grenzen der Schweiz, beleuchtet die „weibliche Seite“ von Stiftungen und zeigt aktuellen Tendenzen im Bereich der Rechtsprechung.

Das Wachstum im Schweizer Stiftungssektor hat sich im vergangenen Jahr deutlich abgeschwächt. Die Anzahl der neu gegründeten Stiftungen liegt mit 301 auf dem tiefsten Stand seit 20 Jahren. Gleichzeitig wurden 2018 so viele Stiftungen liquidiert wie noch nie. Mit 13 169 gemeinnützigen Stiftungen hält die Schweiz aber immer noch eine internationale Spitzenposition und weist pro Kopf sechsmal mehr Stiftungen auf als die USA oder Deutschland.

Wie eine laufende Dissertation an der Universität Basel aufzeigt, sind gemeinnützige Stiftungen heute in der Schweizer Gesellschaft fest verankert. „Stiftungen sind Teil einer lebendigen und intakten Zivilgesellschaft. Wir können feststellen, dass sie in der Schweiz nicht nur in den Städten einen wichtigen Bestandteil der Gesellschaft darstellen, sondern dass sie auch in vielen kleineren Ortschaften und Dörfern sozialpolitisch und ökonomisch tief verwurzelt sind“, führt Prof. Dr. Georg von Schnurbein, Leiter des Center for Philanthropy Studies der Universität Basel, aus.  

Neugründungen und Liquidationen verändern den Stiftungssektor

Immer noch haben viele, insbesondere kleinere, Stiftungen mit geringen Finanzerträgen, Schwierigkeiten bei der Nachfolge im Stiftungsrat oder der Zweckerfüllung zu kämpfen. So hat die Anzahl der Stiftungsliquidationen mit 195 in der Schweiz im letzten Jahr einen neuen Rekordstand erreicht. Daneben nimmt die Regulierungsdichte, zunehmend auf internationalen Druck hin, weiter zu. Maßnahmen gegen Geldwäscherei, Terrorismusfinanzierung und Steuerhinterziehung, wie etwa die geplante Abschaffung der Ausnahmen für gemeinnützige Stiftungen im Automatischen Informationsaustausch, führen zu einer immer stärkeren Bürokratisierung und höheren Kosten.

Dies mögen weitere Gründe für den Stiftungsrückgang sein, hält Beate Eckhardt, Geschäftsführerin von SwissFoundations, dem Verband der Schweizer Förderstiftungen, fest: „Auffallend ist, dass der Kanton Genf, der sich mit seiner im letzten Jahr gegründeten Initiative Genève et la Philanthropie aktiv um gute Rahmenbedingungen bemüht, mit 54 Neugründungen und 19 Liquidationen das mit Abstand grösste Nettowachstum im Schweizer Stiftungssektor aufweist. Umgekehrt zeigt sich die Situation im Kanton Zürich, dem grössten Stiftungskanton, der unter anderem für eine sehr restriktive Steuerpraxis bekannt ist. Hier ist das Stiftungswachstum mit 29 Neugründungen und 35 Liquidationen erstmals rückläufig.“

Ungenügender Frauenanteil in Stiftungsräten

Ein Stiftungsratsmandat ist nach wie vor im besten Sinn des Wortes ein Ehrenamt. Wenig überraschend ist denn auch, dass mehr als die Hälfte der nationalen Parlamentsmitglieder in mindestens einem Stiftungsrat engagiert ist. In den 13 169 gemeinnützigen Schweizer Stiftungen waren Ende 2018 insgesamt 62 102 Stiftungsrätinnen oder -räte aktiv. 2.1 Prozent dieser Personen sind in drei oder vier Stiftungsräten engagiert, was auf eine wenig verbreitete Ämterkumulation im Schweizer Stiftungswesen hindeutet.

Weniger vorteilhaft zeigt sich die Diversität im Stiftungswesen. Fast ein Drittel aller Stiftungsratsgremien ist rein männlich besetzt, wogegen nur gerade 2.1 Prozent ausschließliche Frauengremien sind. Wenn der Frauenanteil im Schweizer Stiftungssektor mit 28 Prozent auch über demjenigen von Verwaltungsräten in der Wirtschaft (19%) liegt, zeigt sich hier ein deutlicher Nachholbedarf.

Gerichte und Politik behindern positive Sektorentwicklung

Im Bereich der Rechtsprechung waren im vergangenen Jahr mehrere bedeutsame Entscheide zu verzeichnen, mit Konsequenzen für die Rechte und Pflichten von Stiftungsräten. Auffallend ist die Tendenz der Gerichte, den Zugang zur Stiftungsaufsichtsbeschwerde zu erschweren, wie Prof. Dr. Dominique Jakob, Leiter des Zentrums für Stiftungsrecht an der Universität Zürich, feststellt: „Das Bundesgericht hat im Fall der Biedermann-Stiftung der abgesetzten Stiftungsrätin das Beschwerderecht abgesprochen. Mit diesem und weiteren Entscheiden entziehen die Gerichte gerade jenen Personen ein wichtiges Governance-Instrument, die frühzeitig über allfällige Fehlentwicklungen innerhalb einer Stiftung Bescheid wissen. Eine mehr als bedauerliche Entwicklung, die sich auf Dauer als nachteilig für den Stiftungssektor erweisen kann.“

Die geplante Unterstellung gemeinnütziger Stiftungen mit Auslandsbezug und eigenem Vermögen unter den Automatischen Informationsaustausch weist auf eine andere bedenkliche Entwicklung hin: Immer häufiger sind gemeinnützige Organisationen von Finanzmarktregulierungen betroffen, die weder für sie entwickelt wurden noch inhaltlich auf sie passen.

Schweiz beim Global Philanthropy Environment Index an vierter Stelle

Der 2018 erstmals veröffentlichte Global Philanthropy Environment Index, der nicht das philanthropische Engagement selbst misst, sondern das politische, regulatorische und gesellschaftliche Umfeld für Philanthropie, stellt der Schweiz ein gutes Zeugnis aus. Sie liegt hinter Finnland, den Niederlanden und den USA auf dem vierten Platz. Vergleicht man den Global Philanthropy Environment Index zudem mit weiteren soziologischen und wirtschaftlichen Indizes, so zeigt sich, wie eng verflochten eine freiheitlich-demokratische Grundordnung mit einem starken philanthropischen Engagement ist.

Der Themenschwerpunkt der zehnten Ausgabe des Schweizer Stiftungsreports, #NextPhilanthropy, richtet den Blick über die Grenze und in die Zukunft. Entwicklungen in Bereichen wie Digitalisierung, Globalisierung und Demografie werden auch das philanthropische Engagement prägen und verändern. Eine vom Bundesverband Deutscher Stiftungen lancierte Diskussionsplattform hat dazu einige Hypothesen formuliert: Die Philanthropie der Zukunft wird globaler, transparenter, direkter und partizipativer, kooperativer, digitaler, wirtschaftlicher und investiver.

Über den Schweizer Stiftungsreport 2019

Der Schweizer Stiftungsreport erscheint 2019 bereits in seiner zehnten Ausgabe und wird jährlich vom Center for Philanthropy Studies (CEPS) der Universität Basel, von SwissFoundations, dem Verband der Schweizer Förderstiftungen, und dem Zentrum für Stiftungsrecht an der Universität Zürich publiziert. Er enthält aktuelle Zahlen, Fakten und Trends aus dem In- und Ausland und soll zu einer besseren Wissensgrundlage im Stiftungswesen beitragen. Der Report erscheint in deutscher und französischer Sprache. Die deutsche Version des Schweizer Stiftungsreports steht hier kostenlos zum Download zur Verfügung.

Text: PR
Foto: AdobeStock/Minerva Studio

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